Indien

"Lassen Sie nicht noch einmal 18 Jahre verstreichen!"

Indien. Das Ehepaar LaRouche führte eine Reihe hochrangiger Gespräche in Neu-Delhi und wurde auch vom indischen Staatspräsidenten Narayanan empfangen.

Lyndon und Helga LaRouche werden vom indischen Staatspräsidenten Kocheril Raman Narayanan empfangen.
Vom 27. November bis 5. Dezember 2001 besuchten Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche die indische Hauptstadt Neu-Delhi. Für Lyndon LaRouche war es der erste Indien-Besuch seit 18 Jahren. 1983 war das Ehepaar LaRouche mit der damaligen indischen Ministerpräsidentin Indira Gandhi zusammengetroffen.

Die Tage in Delhi waren angefüllt mit persönlichen Gesprächen mit führenden Politikern, Strategen, Wirtschaftsplanern und Intellektuellen, Erörterungen im kleineren Kreis, Empfängen, einer Vorlesung an der Universität und einem EIR-Seminar am 3. Dezember. Lyndon und Helga LaRouche trafen u.a. mit den ehemaligen Ministerpräsidenten Chandrashekhar und I.K. Gujral zusammen und wurden am 5. Dezember vom indischen Staatspräsidenten K.R. Narayanan empfangen.

Bei den alten indischen Freunden sind LaRouches "40-Jahres-Entwicklungs-Programm" und seine Forderung nach einer neuen, gerechten Weltwirtschaftsordnung auf der Grundlage einer neuen globalen Finanz- und Wirtschaftsordnung in bester Erinnerung. Experten wie der ehemalige indische Finanzminister K.R. Ganesh nutzten deshalb jede Gelegenheit zu ausführlichem Gedankenaustausch.

Natürlich stand bei allen Gesprächen die veränderte strategische Lage nach den Terroranschlägen vom 11. September in den USA im Vordergrund. Aufgrund der geographischen Nähe zu Afghanistan und der Welle von Terroranschlägen, die Indien erlebt, war das Interesse an LaRouches Analysen über die Hintergründe der Anschläge und die allgemeine Sicherheitslage sehr groß.

Patriotischer Optimismus für Entwicklung

Bei einer Vorlesung vor etwa 80 Studenten und Professoren des Instituts für Internationale Studien an der Jawaharlal Nehru Universität in Neu-Delhi am 30. November erinnerte LaRouche daran, daß er als junger Soldat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mehrere Monate in Kalkutta verbracht hatte - genau in der entscheidenden Zeit des Unabhängigkeitskampfes gegen die britische Kolonialherrschaft. "Ich erinnere mich an die Gefühle der Menschen von Bengalen in jenen Tagen. Ich habe miterlebt, wie britische Soldaten das Feuer auf Demonstranten eröffneten - mehrere meiner indischen Freunde kamen dabei ums Leben. Am Tag danach kam es zu Aufständen in ganz Bengalen, bei denen Moslems und Hindus gemeinsam kämpften: ,Jai Hind! und Pakistan Jindaba!'" Ein patriotischer Optimismus für eine souveräne wirtschaftliche Entwicklung habe damals ganz Indien erfaßt, und dieser Geist prägte dann auch die Gruppe der Blockfreien Staaten, die Nehru mitbegründete.

"Ich hege diese Gefühle bis zum heutigen Tag. Der Kampf gegen den Kolonialismus, für Souveränität und Unabhängigkeit war damals gerecht und ist es bis heute geblieben", bekräftigte LaRouche.

Diese Einführung öffnete buchstäblich Herz und Sinne der jungen Studenten wie auch einiger älterer Zuhörer, deren Erinnerungen wieder wachgerufen wurden. LaRouche sprach über die Beziehung zwischen Wirtschaft und Kultur, entwickelte die Grundzüge seiner Wirtschaftsmethode, die Notwendigkeit der Kooperation der Nationen Eurasiens als Ausweg aus der derzeitigen Krise. "Den Optimismus wiederzugewinnen, der ganze Nationen ermutigt, sich zusammenzuschließen zu einer neuen Ordnung, ist unsere Aufgabe."

Helga Zepp-LaRouche erläuterte dann ausführlicher das Konzept der Eurasischen Landbrücke mit seinen Entwicklungskorridoren, die Europa und Asien wirklich integrieren. Eine engagierte Diskussion folgte.

Im Rückblick: "Die Industrialisierung Indiens"

1979 erstellten Lyndon LaRouche und einige Mitarbeiter eine Grundlagenstudie zum Thema Die Industrialisierung Indiens - in 40 Jahren von der Rückständigkeit zur Industrienation. Die in dieser Studie dargelegten Entwicklungsschwerpunkte Infrastruktur - mit besonderer Betonung der Energieversorgung durch den Bau zahlreicher inhärent sicherer Hochtemperaturreaktoren - , Wassermanagement als Grundvoraussetzung für eine umfassende landwirtschaftliche Revolution und eine Reform des Bildungswesens sind bis heute einschließlich der vielen Einzelheiten aktuell.

Diese Studie wurde in den folgenden Jahren weit verbreitet; der Grundgedanke des Rechts auf souveräne Entwicklung aller Länder der Welt, einschließlich des ungehemmten Zugangs zur friedlichen Nutzung der Kernenergie fand u.a. Ausdruck im Schlußdokument der Gipfelkonferenz der Blockfreien Staaten, die Anfang 1983 in New Delhi stattfand. Indira Gandhi wurde damals zur Vorsitzenden der Bewegung der Blockfreien gewählt; mit ihrer Ermordung fanden die Hoffnungen auf eine Umsetzung dieser Pläne jedoch ein jähes Ende.

Unter dem Druck des Wertewandels der internationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik, besonders der seit 1971 eingeführten Freigabe der Wechselkurse, gerieten viele der von Jawaharlal Nehru und anderen in Angriff genommenen Projekte ins Stocken, trotz der Maßnahmen der indischen Regierung, die Binnenwirtschaft zu schützen.

So leben auch heute noch etwa ein Drittel aller Inder unter der Armutsschwelle, ein weiteres Drittel muß als arm betrachtet werden. Nur etwa 60 Prozent der Kinder im Alter von 6 bis 14 Jahren besuchen eine Schule; und 36 Prozent der Frauen sind Analphabetinnen.

Die unbestreitbare "Computerrevolution" hat zwar in Indien mehrere hunderttausend sehr gut ausgebildete und sehr clevere junge Computerspezialisten hervorgebracht, doch sie stellt angesichts der geplatzten Blase der "Neuen Ökonomie" keinerlei Alternative für reale, physische wirtschaftliche Entwicklung dar - eine Tatsache, auf die LaRouche wiederholt hinwies.

"Ein weiser Mann in der Tradition der Renaissance"

Am 3. Dezember sprachen Lyndon und Helga LaRouche bei einem EIR-Seminar im India International Center vor etwa 40 geladenen Gästen, darunter mehrere ehemalige Minister, Wirtschaftsberater, Diplomaten, Berater der jetzigen indischen Regierung, Wirtschaftsexperten, Wissenschaftler und Journalisten.

Prof. Devendra Kaushik, der nach seiner Emeritierung als Professor an der Jawaharlal-Nehru-Universität das Maulana-Azad-Institut für Asiatische Studien in Kalkutta leitet und zu den führenden Experten über Zentralasien gehört, begrüßte Lyndon LaRouche als "einen der einflußreichsten Denker unserer Zeit. Er ist ein Wirtschaftswissenschaftler, für den Ökonomie keine Frage von Geld ist, sondern eine Verpflichtung zum Gemeinwohl. Er ist ein großer Freund Indiens, und ich bin stolz darauf, daß die Zusammenarbeit mit ihm mein Verständnis der Entwicklungen in der Welt bereichert hat." Kaushik wies insbesondere auf den Einfluß hin, den LaRouches Denken in Rußland habe.

LaRouches Beitrag war wiederum darauf gerichtet, keinen Maßnahmenkatalog zu unterbreiten, sondern das Verständnis für die Grundlagen der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsfindung zu definieren. Es sei deshalb unumgänglich, zuerst ein Verständnis für die wirkliche Geschichte der Menschheit, insbesondere die neuere Geschichte seit der Europäischen Renaissance, zu entwickeln. Damals sei die Idee des souveränen Nationalstaats zum ersten Mal realisiert worden: einem souveränen Staat, der dem Gemeinwohl, d.h. dem Wohlergehen und der wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung aller Bürger verpflichtet ist - ganz im Gegensatz zu Oligarchien, die den größten Teil der Menschheit lediglich als "menschliches Vieh" betrachten. Die Idee des Gemeinwohls prägte auch die Gründerväter der Vereinigten Staaten; das "Amerikanische System der Ökonomie" etablierte das Prinzip langfristiger Wirtschaftsplanung durch den Staat und eine entsprechende Finanzpolitik.

LaRouche stellte die historische Entwicklung dar, d.h. den Jahrhunderte währenden Konflikt zwischen den beiden so definierten Hauptparteien, bis hin zu dem entscheidenden Wertewandel nach der Zeit ab 1962-64, der dem Neomalthusianismus als oligarchischer Philosophie zu neuer Akzeptanz verhalf.

Um heute wieder den Weg zur Dominanz der physischen Ökonomie und deren weltweiter Anwendung (z.B. durch die Entwicklung der Eurasischen Landbrücke) zu finden, müsse man grundlegend davon ausgehen, daß die Menschheit als einzige Gattung im Universum dazu fähig ist, willentlich die eigenen Lebensbedingungen zu verändern. "Das ist der Unterschied zwischen der Ökonomie, wie sie heute gelehrt wird, und der Wirtschaftswissenschaft als physikalischer Wissenschaft. Die Ökonomie, die heute gelehrt wird, ist linear." Jede Wirtschaftswissenschaft, die diese Grundvoraussetzung nicht betrachtet, "verachtet die Natur des Menschen". Der Mensch könne Entdeckungen und Erfindung machen, die die Lebensbedingungen aller Menschen verbessern. Dazu sei eine Erziehung nötig, die den Schüler anregt, die wissenschaftlichen Entdeckungen der Vergangenheit in seinem eigenen Kopf nachzuvollziehen.

"Zm Beispiel: Warum ist das Studium der vedischen Kultur und des Sanskrit für Indien so wichtig? Wir wissen heute, daß Tilak recht hatte: Einige der antiken Kalender, die nach Indien kamen, stammten von ozeanischen Kulturen; arktischen ozeanischen Kulturen! Wenn wir die Wurzeln der Sprache verstehen, verstehen wir, woher unsere Völker kamen, welche unterschiedlichen Einflüsse unsere Kultur formten. Die antike Poesie ist dafür äußerst wichtig.

Wir brauchen eine Mission dessen, was die Menschheit in 40, 50 oder hundert Jahren erreichen muß. Auf dieser Grundlage müssen wir heute unsere Politik formulieren. Eine Regierung, die nicht mindestens 25 Jahre im Voraus denkt, denkt nicht!"

Vor diesem Hintergrund entwickelte LaRouche noch einmal die Notwendigkeit, das bankrotte internationale Finanz- und Währungssystem grundsätzlich neu zu organisieren und bei der Realisierung infrastruktureller Großprojekte, allen voran die Eurasische Landbrücke, zusammenzuarbeiten: "Wenn wir einbeziehen, daß Westeuropa Märkte für Technologieexporte braucht, wenn man die Rolle Rußlands als Transmissionsriemen zwischen Ost- und Südasien und Europa betrachtet, wenn wir das als Zentrum der Welt ansehen und Nationen in Afrika sowie Nord- und Südamerika mit einbeziehen, dann haben wir die Basis für ein neues Währungssystem, mit dem die Welt aus der Misere gebracht werden kann."

Die staatsmännische Rede LaRouches kommentierte Prof. Kauschik so: "Es war, als hörten wir gleichzeitig Vorlesungen verschiedener Fakultäten: Geschichte, Ökonomie, Naturwissenschaft, Erziehung und Kultur. Aber alle diese Vorlesungen wurden von einer einzigen Person, und auf eine hochgradig integrierte Weise, vorgetragen."

Der Dialog der Zivilisationen

Bei allen Gesprächen wurde Helga Zepp-LaRouches Vorschlag mit großer Offenheit begrüßt, gerade jetzt eine internationale Korrespondenz zu einem "Dialog der Zivilisationen" zu beginnen. Als Vorsitzende des internationalen Schiller-Instituts hatte sie im Sommer zu einer solchen Korrespondenz, die als Vorbereitung einer großen Konferenz in absehbarer Zukunft gedacht ist, aufgerufen. Gerade in Indien weiß man um die Dringlichkeit eines solchen Dialogs, da er die einzige Basis für eine zukünftige Friedensordnung im eigenen Land und in der Region ist. Viele Gesprächspartner waren deshalb gerne bereit, durch eigene Beiträge das Verständnis beispielsweise über die wichtigsten Konzeptionen des Hinduismus beizusteuern.

Bei dem Seminar am 3. Dezember ging Helga Zepp-LaRouche auf ihre Idee des Dialogs der Kulturen ein, die sie an den Philosophen Nikolaus von Kues des 15. Jahrhunderts, anlehnt (siehe Seite 8), und forderte schließlich: "Historisch sind wir jetzt an einem Punkt, an dem wir entweder gemeinsam die Krise überwinden, oder gemeinsam untergehen - ich glaube, durch einen solchen Austausch verschiedener Kulturen schaffen wir eine neue Renaissance. Ich bin optimistisch, daß wir diese Krise zu etwas brillant Neuem wenden können!"

Man braucht eigentlich gar nicht mehr hinzuzufügen, daß alle Gesprächspartner und Zuhörer einhellig den Wunsch äußerten, Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche sollten so schnell wie möglich nach Indien zurückkehren: "Lassen Sie nicht noch einmal 18 Jahre verstreichen!"