Eine Konferenz in Beijing stellt die Weichen für das 21. Jahrhundert

Nach zwei Jahren intensiver Vorbereitung fand vom 7.-9. Mai 1996 in Beijing das „Internationale Symposium zur wirtschaftlichen Entwicklung der Regionen entlang der Euro-asiatischen Landbrücke" mit über 460 Experten und Diplomaten aus 36 Ländern statt. Obwohl kaum beachtet von der westlichen Presse, stand das Symposium im Rahmen einer außerordentlich wichtigen außenpolitischen Initiative der chinesischen Regierung, die Länder Europas und Asiens in einer neuartigen Entwicklungsallianz zusammenzubringen. Mit vereinten Kräften soll eine hochmoderne, grenzübergreifende Transport-, Energie-, und Kommunikationsinfrastruktur geschaffen werden, die sich vom Pazifik zum Atlantik erstreckt und das Rückgrat der wirtschaftlichen Entwicklung des eurasischen Kontinentes im 21. Jahrhundert bilden wird. An mehreren Stellen sind die Bauarbeiten schon im Gang.

Die chinesische Führung verbindet mit dem großen Vorhaben eine Idee von erstaunlicher Tragweite: Der Aufbau transkontinentaler Infrastrukturnetzwerke bedeute den Beginn einer neuen Ära der eurasischen Zivilisation. Nach mehr als einem jahrhundert geopolitischer Manipulationen, Spaltungen und Konflikte, vom „Great game“ der Kolonialmächte bis zum 40jährigen „Kateln Krieg“ biete sich jetzt die Chance, mit Einsatz hochmoderner Technik die chronische Unterentwicklung des eurasischen „Hinterlandes“ allmählich zu überwinden. Zum ersten Mal wird Eurasien ingesamt zu einem einzigen großen Wirtschaftsraum zusammengefügt, der aus souveränen, aber miteinander kooperierenden Nationen besteht.

Damit wird für jeden Chinesen die Erinnerung an die legendäre Seidenstaße wieder lebendig. Damit bezeichnet man das weitverzweigte Netz von Land- und Seehandelswegen, die mehr als 1000 Jahre lang die Kulturen und Völker Südasiens, Zentralasiens, des nahen Ostens und Europas miteinander verbanden. Die alte Seidenstraße diente weit mehr als dem bloßen Handel mit Seide, Gewürzen und anderen hochwertigen Waren; auch Religionen, Philosophie, Kunst, große Entdeckungen und Erfindungen breiteten sich über eine „Perlenkette“ blühender Handels- und Kulturstädte entlang der Seidenstraße aus. Die Vorstellung, eine „neue Seidenstraße“ zwischen Asien und Europa zu bauen, auf der statt der Kamelkarawanen der alten Zeit nun eines Tages Hochgeschwindigkeitszüge fahren werden, übt auf die Chinesen und ihre Nachbarn in Süd-, Ost- und Zentralasien eine ungeheure Faszination aus. Daß es sich hier nicht bloß um „Zukunftsmusik“ handelt, wurde auf der Konferenz durch zahlreiche bereits fertiggestellte bzw. angefangene Projekte in China und einigen anderen Ländern auf beeindruckende Weise gezeigt.

Die „neue eurasische Landbrücke“ im Konferenztitltel ist die erst 1992 durchgehend geöffnete Eisenbahnlinie, die in der Hafenstadt Lianyungang an der chinesischen Ostküste beginnt, durch den Nordwesten Chinas nach Kasachstan führt und von dort aus über Moskau, Minsk, Warschau und Berlin den Europahafen Rotterdam als „Endstation“ erreicht. Damit ist ein neuer Transportweg zwischen Europa und Ostasien gechaffen, der deutlich kürzer ist als der nördliche Weg über die Transsibirische Eisenbahn und direkt ins Kernland Chinas führt.

Die Chinesen zweifeln nicht daran, daß sich diese „neue Landbrücke“ in der näheren Zukunft zu einer der weltweit wichtigsten Transportachsen entwickeln wird. In Vorbereitung darauf haben sie über 2000 km der nordwestlichen Eisenbahnlinie – die Hauptstrecke des chinesischen Abschnitts der „neuen eurasischen Brücke“ - doppelspurig ausgebaut, große Strecken davon elektrifiziert und zahlreiche Zweift und Parallelstrecken hinzugefügt. Die Hafenanlagen in Lianyungang, Rizhao und Qiingdao werden ausgebessert, zahlreiche Umschlagplätze werden längs der Linie gebaut. Neben Transportverbesserungen laufen auch viele Industrieprojekte, nicht zuletzt zur Ausnutzung der reichen Rohstoffvorkommen im Nordwesten des Landes. …

(zuerst veröffentlicht in : EIR-Studie „Die eurasische Landbrücke – die „neue Seidenstraße“ als Motor weltweiter wirtschaftlicher Entwicklung – Alternative zu Globalisierung und „nachindustrieller“ Arbeitslosigkeit, Nov. 1996)