Rußland

Finanzkrise: LaRouche rät Rußland zu Neuem Bretton Woods

Der Ökonom Lyndon LaRouche wurde am 29. Juni 2001 erstmals offiziell vom Parlament einer Weltmacht zu einer wichtigen Anhörung eingeladen. Seine Perspektive einer eurasischen Kooperation für einen weltweiten Wirtschaftsaufschwung trifft in Rußland auf immer mehr Zustimmung - vor allem deshalb, weil der Kollaps der globalen Finanzblase das Land in schwerste wirtschaftliche Krisen zu stürzen droht.

2001: Auf Einladung von Dr. Sergej Glasjew, dem Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Wirtschaft, besuchen Helga und Lyndon LaRouche erneut Moskau. Bei einer Anhörung vor dem Wirtschaftsausschuß der Duma erläutert LaRouche vor 150 Abgeordneten und Regierungsberatern seine Politik zur Reorganisation des Weltfinanzsystems und zur globalen Wirtschaftserholung im Rahmen einer eurasischen Kooperation.
Der 29. Juni 2001 könnte einmal als historischer Tag in Erinnerung bleiben. Lyndon LaRouche erläuterte erstmals auf einer offiziellen Anhörung des russischen Parlaments, der Staatsduma, die wichtigsten Punkte seiner Politik zur Reorganisierung des Weltfinanzsystems und zur globalen Wirtschaftserholung im Rahmen einer eurasischen Kooperation. Die parlamentarische Anhörung "Über Maßnahmen zur Sicherung der russischen Wirtschaftsentwicklung unter Bedingungen einer Destabilisierung des Weltfinanzsystems" stand unter der Leitung von Dr. Sergej Glasjew, dem Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Wirtschaftspolitik und Unternehmertum.

Neben Lyndon LaRouche, der zuerst aufgerufen wurde, sprachen auch die Präsidentin des Schiller-Instituts Helga Zepp-LaRouche, der Schiller-Institut-Berater Dr. Jonathan Tennenbaum, der italienische Senator Ivo Tarolli, der malaysische Botschafter in Rußland sowie eine Reihe führender russischer Finanzexperten, darunter Akademiemitglied Prof. Dmitrij Lwow, der die Wirtschaftsfakultät der russischen Akademie der Wissenschaften leitet. Die Anhörung verfolgten etwa 150 Abgeordnete und Regierungsberater; außerdem wurde sie über den internen Fernsehkanal direkt in alle Duma-Büros und in den Kreml übertragen. Die offizielle Mitschrift wurde am 30. Juni veröffentlicht.

Hintergrund dieser ersten offiziellen Einladung durch das Parlament einer führenden Weltmacht ist LaRouches Ansehen als Wirtschaftswissenschaftler, das besonders seit dem Kollaps der "New-Economy"-Blase weltweit erheblich gestiegen ist. Beobachter nannten es eine nicht geringe Ironie, daß die Einladung von Rußland und nicht von LaRouches eigenem Land, den USA, dem Epizentrum der anhaltenden Finanzkrise, ausging.

Am Tag vor der Duma-Anhörung fand im berühmten "Zentralen Haus des Journalismus" in Moskau eine internationale Pressekonferenz statt. Vor einer großen Menge von Journalisten und Kameraleuten sprachen Glasjew, Lyndon und Helga LaRouche, Tennenbaum und der russische Finanzexperte Mitjajew über die Hauptthemen, die auf der Anhörung zur Sprache kommen sollten. Insgesamt waren 4 Fernseh- und 2 Radiosender sowie 17 große Zeitungen und Magazine vertreten; außerdem wurde die Veranstaltung live über Internet verbreitet (siehe auch die Presseerklärung darüber auf Seite 10). Berichte über die Pressekonferenz wurden am Abend von mehreren Fernsehstationen gesendet.

Die Parlamentsanhörung begann um 10 Uhr im Malij-Saal des Duma-Gebäudes. Der Vorsitzende Glasjew eröffnete die Sitzung mit einem Rückblick auf den Kollaps des russischen Finanzsystems im August 1998 und warnte, daß eine neue Krise des Weltfinanzsystems infolge eines Kollapses der riesigen Spekulationsblase schwere Folgen für die russische Wirtschaft haben könnte. Rußland müsse deshalb Maßnahmen ergreifen, um sich vor den destabilisierenden Wirkungen einer neuen globalen Krise zu schützen. Aus diesem Grund habe der wirtschaftspolitische Ausschuß russische und ausländische Experten eingeladen. Er dankte insbesondere Herrn und Frau LaRouche und dem Schiller-Institut, ihre Teilnahme zugesagt zu haben (siehe weitere Auszüge aus Glasjews Einführung auf Seite 8).

Glasjew gab dann dem "bekannten Philosophen, Historiker und Ökonomen Lyndon LaRouche" das Wort als erstem Redner der Anhörung. LaRouches politische Erklärung war eine kondensierte Darstellung der heutigen Weltkrise, der notwendigen Lösungsschritte zur Konkursreorganisation des Finanzsystems sowie Rußlands entscheidender Rolle, um eine von Eurasien ausgehende weltwirtschaftliche Erholung einzuleiten (siehe Wortlaut von LaRouches Ausführungen auf Seite 8).

Im Anschluß an LaRouche schilderte Schiller-Institut-Berater Dr. Jonathan Tennenbaum anhand zahlreicher Diagramme und Schaubilder die "alptraumhafte Lage", wie sie sich in den USA und dem gesamten Weltfinanzsystem entwickelt hätte. Tennenbaum erinnerte daran, daß führende sogenannte Finanzexperten und Politiker in den USA noch nach dem Krach von 1929 und der beginnenden "großen Depression" die Existenz einer Krise abgestritten hätten. Erst als Franklin D. Roosevelt Präsident wurde, wurden Maßnahmen eingeleitet, die der Realität in den USA angemessen waren. Dies sollte allen heute eine Lehre sein.

Im weiteren Verlauf der Anhörung wurden viele Argumente Tennenbaums auch von Andrej Kobjakow aufgegriffen, einem der angesehensten russischen Finanzexperten, der regelmäßige Beiträge für das russische Wirtschaftsmagazin Expert schreibt. Kobjakow meinte, der Mechanismus, wie die "globale Finanzpyramide" entstanden sei, ähnele dem Prozeß, wie der berühmte russische Investmentfonds MMM kollabiert sei. Er verwies auf die "reine Habgier" und die von den Medien manipulierte öffentliche Meinung als entscheidende Faktoren für den Aufbau der gigantischen Blase im US-Finanzsystem, die jetzt platze.

Der nächste Sprecher nach Tennenbaum war das Akademiemitglied Dmitrij Lwow, einer der bekanntesten Ökonomen Rußlands und derzeit Vorsitzender der Wirtschaftsfakultät der russischen Akademie der Wissenschaften. Als offener Kritiker der neoliberalen "Reformer", die nach wie vor führende Positionen in der russischen Regierung innehaben, wird Lwow jetzt immer häufiger in den Kreml gerufen, um seine Ansichten über wichtige politische Fragen darzustellen.

In seiner Rede bei der Anhörung betonte Lwow, die jetzige Weltkrise gehe weit über eine bloße Finanzkrise hinaus; es sei zu einer Häufung von Naturkatastrophen gekommen, die einen steigenden Anteil der Gesamteinkommens vieler Länder aufzehrten und deren Wirtschaftskollaps beschleunigten. Das Hauptproblem sei, daß natürliche Ressourcen und die Kosten zu ihrer Erhaltung in den Finanzrechnungen der Länder nicht auftauchten. Rußland insbesondere sei um den Großteil seines Einkommens aus Naturschätzen gebracht worden, die von den "Oligarchen" ausgebeutet würden. Er forderte den Staat als Vertreter des gemeinsamen Interesses der Bevölkerung auf, den nationalen Besitz der Naturressourcen geltend zu machen, "die Rußland von Gott gegeben" seien und nicht von irgendwelchen privaten Geschäftsinteressen. Auf diese Weise könnte eine wesentliche Einkommensquelle für Investitionen in die nationale Infrastruktur und die Industrieentwicklung nutzbar gemacht werden.

Als nächster ergriff der malaysische Botschafter in Rußland, Yanya Baba, das Wort. Er zeigte sich erfreut über die Aussicht, daß "das Ende für das IWF-System" nahe sei, und befand es notwendig, "ein neues globales Finanzsystem zu schaffen." Er berichtete, wie die Befolgung der "Ratschläge" von IWF und Weltbank Malaysia in ein Beinahe-Desaster geführt hätte, als die asiatische Finanzkrise bereits 1997 ausbrach. Zum Glück habe die malaysische Regierung gegen den Protest des IWF die Einführung von Kapitalkontrollen beschlossen, und seitdem habe sich die Währungs- und Wirtschaftslage des Landes wieder stabilisiert. Eine Lehre daraus sei, so meinte er, daß staatliches Eingreifen entscheidend sei, um den Märkten ein "Gewissen" und ein Kriterium des Gemeinwohls zu verleihen.

Ein Höhepunkt der Veranstaltung waren die Ausführungen des italienischen Senators Ivo Tarolli, der mit ausdrücklicher Genehmigung des italienischen Parlamentspräsidenten an der Anhörung teilnahm. Tarolli, Vizepräsident der Parlamentariergruppe "Centro Cristiano Democratico", die der neuen Regierungskoalition angehört, beschäftigte sich mit der Lage in den Entwicklungsländern und der Notwendigkeit einer "Bretton-Woods-Reform" des Weltfinanzsystems. Er berichtete über eine Initiative, mit der er selbst und eine Gruppe Abgeordneter im März an die italienische Regierung appelliert hätten, "auf internationaler Ebene die Organisation einer neuen Konferenz mit den Staats- und Regierungschefs anzuregen, ähnlich der Konferenz von Bretton Woods 1944 mit dem Ziel, ein neues internationales Währungssystem zu schaffen und notwendige Maßnahmen zu ergreifen, um die Mechanismen finanzieller Instabilität zu eliminieren und Programme zum Neustart der Realwirtschaft zu beschließen."

Kurz danach sprach Helga Zepp-LaRouche, die Gründerin und Präsidentin des Schiller-Instituts. Ihre Rede bezeichneten mehrere russische Teilnehmer später als "überraschende und tief bewegende Erklärung". Sie schilderte die dramatische Lage in der Welt und betonte, daß gerade die deutsche Bevölkerung nach ihrer leidvollen Geschichte sehr hellhörig werde, wenn es um die Beziehung zwischen Wirtschaftskrise und Kriegsgefahr gehe. Sie beschrieb, wie Wilhelm Lautenbach und andere Anfang der 30er Jahre einen Wirtschaftsplan für Deutschland erarbeitet hätten, der die Machtübernahme Hitlers hätte verhindern können. Leider sei der Plan nicht umgesetzt worden. Heute sei das wichtigste Mittel, um einen Krieg zu verhindern, die Entwicklung der Eurasischen Landbrücke und das Neue Bretton Woods (siehe auch Seite 9-10).

Mehrere prominente Vertreter der russischen Finanzelite betonten die Notwendigkeit, das Bankensystem des Landes zu stärken, Destabilisierungen von außen abzuwehren und eine langfristige Kreditvergabe an den produktiven Sektor sicherzustellen. Besonders zu nennen sind hier der Präsident der Vereinigung Russischer Banken Sergej Jegarow und der bekannte Finanzanalyst Dmitrij Mitjajew vom Zentrum für Systemvorhersage.

Inmitten der Sitzung wurde die ernsthafte und konzentrierte Diskussion durch einen Auftritt des Politclowns Wladimir Schirinowkij unterbrochen. Als Vizepräsident der Duma verschaffte er sich Rederecht und machte einige völlig konfuse Bemerkungen über die Weltlage und darüber, wie Rußlands Wirtschaft gestärkt werden könnte. Am Ende verstieg er sich zu wilden frauenfeindlichen Äußerungen, wonach Frauen keine Richter, Ökonomen, Ärzte oder gar Köche werden dürften. Seine verdiente Lektion erhielt Schirinowskij, als anschließend die bekannte Wirtschaftswissenschaftlerin und frühere Duma-Abgeordnete Tatjana Korjagina das Wort ergriff und bemerkte:

"Helga und ich halten unsere Reden trotz der Einschüchterungsversuche, die wir von Herrn Schirinowskij gehört haben... Vielleicht wäre es für uns Frauen tatsächlich besser, in der Küche zu sitzen, wenn es nicht so viele männliche Stümper gäbe, die im Fernsehen etwas zu sagen haben, und wenn die brillante Rede von Wladimir Wolfowitsch [Schirinowskij] nicht so inkohärent gewesen wäre, wie jedesmal."

Korjagina, führende Wirtschaftsforscherin des Makroökonomischen Instituts des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung und Handel, die auch das Schiller-Institut in Rußland repräsentiert, beschrieb, wie sie und ihre Kollegen bereits im Herbst 1997 im Detail vor einem drohenden Finanzkollaps in Rußland gewarnt hätten. Leider sei auf die Warnungen, die sich als vollkommen zutreffend erwiesen hätten, nicht gehört worden. Jetzt wolle sie eine weitere Voraussage machen, daß nämlich in diesem August ein weltweites Finanzbeben einsetzen werde, dessen Epizentrum in den Vereinigten Staaten liege. Ihrer Meinung nach werde dieses Beben wahrscheinlich durch vorsätzliches Handeln einiger Gruppen auf internationaler Ebene ausgelöst (siehe Seite 9).

Zum Abschluß der Anhörung fragte der Vorsitzende Glasjew Lyndon LaRouche, welche der angesprochenen Punkte während der Sitzung er am wichtigsten finde. LaRouche betonte die Feststellung Lwows, daß es in den meisten Wirtschaftsanalysen unterlassen werde, die Kosten für den Erhalt der Wirtschaftsinfrastruktur und der Naturressourcen zu berücksichtigen. Wenn diese - größtenteils unbezahlten - Kosten einberechnet würden, erweise sich das scheinbare Nominalwachstum der amerikanischen Wirtschaft in der Zeit seit Einführung "gleitender Wechselkurse" und der nachindustriellen Politik 1971 realwirtschaftlich als Nettoverlust. "Wenn man weniger als 50-60 Prozent der Einnahmen für Infrastruktur und deren Ausbau ausgibt, ...zerstört sich die Wirtschaft selbst... Der Staat muß die Verantwortung dafür übernehmen, die Kosten für den Erhalt oder die Ersetzung der benutzten Ressourcen zu bezahlen... Dies ist das am meisten vernachlässigte wirtschaftliche Element in den letzten 30 Jahren."

Am Ende der Anhörung dankte Glasjew den Teilnehmern: "Ich glaube, innerhalb von einer Woche wird im Wirtschaftsausschuß über einige Empfehlungen beraten werden. Es wird Beschlüsse geben, und diese werden an die Staatsorgane unseres Landes übersandt. Ich hoffe, daß die führenden Stellen unseres Landes, die Zentralbank, die Regierung und natürlich die Staatsduma die Schlußfolgerungen aus unserer Anhörung nutzen werden. Und wir werden weiter an diesen Problemen arbeiten."

Am Abend der erfolgreichen Duma-Anhörung kamen Mitglieder und Freunde des Schiller-Instituts zu einem Essen zusammen, und in einem Toast wurde der 29. Juni 2001 zum "Schiller-Tag in Moskau" erklärt.

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LaRouches Ideendialog mit russischen Wissenschaftlern

Russische Wissenschaftler ehren Lyndon LaRouche als großen Ideengeber

Anlaß der jetzigen Rußland-Reise von Lyndon LaRouche und Helga Zepp-LaRouche war eine Konferenz in Moskau am 14.-15. Dezember zu Ehren des vor einem Jahr verstorbenen außergewöhnlichen russischen Wissenschaftlers Pobisk Georgiewitsch Kusnezow, mit dem Lyndon LaRouche seit Mitte der 90er Jahren befreundet war. An der Konferenz nahmen über 100 führende Wissenschaftler teil, vorwiegend aus dem militärisch-industriellen Bereich der ehemaligen Sowjetunion, aber auch aus Ministerien und anderen Führungsstrukturen der Politik, die an den außerordentlich vielseitigen Aktivitäten von Pobisk Kusnezow auf verschiedene Weise beteiligt waren.

Daneben sprach LaRouche in Moskau auf mehreren Seminaren, u.a. einem unter Vorsitz von Akademiemitglied Dmitri S. Lwow am Zentralen Mathematischen Wirtschaftsinstitut (CEMI) der Russischen Akademie der Wissenschaften. Dort war LaRouches Thema "Die Weltfinanz- und Wirtschaftskrise und die strategische Rolle Rußlands". Gemeinsam mit seiner Ehefrau Helga Zepp-LaRouche traf er auch mit zahlreichen russischen Politikern zusammen, darunter der Moskauer Bürgermeister Jurij Luschkow. Die populäre Fernsehsendung Russisches Haus zeichnete ein Interview mit LaRouche auf, und die Zeitschrift Der Devisenhändler veröffentlichte in der Dezember-Ausgabe ein weiteres Interview mit ihm, nachdem dort bereits im November ein langer Artikel über LaRouche erschienen war.

Alles in allem nutzten mehrere hundert russische Intellektuelle, darunter Ökonomen und andere Wissenschaftler, Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche, Persönlichkeiten aus der Kultur sowie Journalisten, die Chance, LaRouche zu hören und das persönliche Gespräch mit ihm zu suchen. Hunderte Exemplare der neuesten Übersetzungen von Schriften LaRouches wurden verbreitet, so LaRouches Aufsatz "Was ist primitive Akkumulation?", mit dem er auf Warnungen Lwows reagierte, sowie Auszüge aus seiner großen neuen Schrift "Der Geist der russischen Wissenschaft".

Dies war LaRouches zweiter Aufenthalt in Rußland in diesem Jahr, nachdem er bereits am 29. Juni auf Einladung des Vorsitzenden des Wirtschaftspolitischen Ausschusses der Duma, Sergej Glasjew, bei einer Duma-Anhörung geschildert hatte, wie Nationen den globalen Finanzzusammenbruch überleben könnten. Der Ideenaustausch zwischen LaRouche und der russischen Intelligenz hat sich während dieser beiden Aufenthalte enorm vertieft und ist während der beiden letzten Jahrzehnte immer mehr zu einer wissenschaftlichen und die Politik gestaltenden Kraft auf weltweiter Ebene geworden.

Es gibt vor allem zwei Gründe für die besondere Intensität und Wirksamkeit dieses Dialogs. Der eine betrifft Rußlands Rolle als eine der drei nationalen Kulturen der Welt, deren Eliten die Ereignisse auf der ganzen Welt in ihr Denken miteinbeziehen - die beiden anderen Länder sind die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Der zweite Grund bezieht sich auf das Wesen der russischen Intellektuellen. LaRouche erklärte, die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung für Pobisk Kusnezow verkörperten eine so hohe wissenschaftliche Kompetenz, wie man sie bei keinem vergleichbaren Treffen heute auf der Welt finde. Die russischen Wissenschaftler hätten trotz ärmlichster Verhältnisse, in denen die meisten von ihnen nach Einführung der radikalen freimarktwirtschaftlichen "Reformen" ab 1991 leben müssen, ihre schöpferischen Fähigkeiten und ihre intellektuelle Integrität bewahrt.

Lebendiges Gedenken an Pobisk Kusnezow

Pobisk Kusnezow, selbst ein origineller Denker und Forscher auf dem Bereich der Chemie, Biochemie, Biologie, Mathematik, Ökonomie und Wissenschaftsphilosophie, spielte eine entscheidende Rolle in der Organisation und Durchführung vieler Hochtechnologieprojekte in der ehemaligen Sowjetunion, einschließlich der bemannten Raumfahrt. Darüber hinaus schuf er, ausgehend von den Arbeiten der russischen Wissenschaftler Sergej Podolinskij und Wladimir Wernadskij, eine Art russisches Gegenstück zu der von LaRouche entwickelten Lehre der "physischen Ökonomie". Diese Arbeit fand im Rahmen eines Geheimprojekts mit dem Namen "Effektivnost" statt, das unter dem von den sowjetischen Vizepremierministern Smirnow und Kirillin geführten "Wissenschaftlichen Rat für die Probleme der Modellierung großer Systeme mit Hilfe physisch meßbarer Größen" entwickelt wurde. Da Kusnezows Vorstellungen einer von kreativer wissenschaftlicher Arbeit getragenen Industriegesellschaft nicht in das Bild der "orthodoxen Marxisten" paßte, mußte das Projekt vor der Parteibürokratie "abgeschirmt" werden, was u.a. durch die Teilnahme des Sohns des berühmten Parteiideologen Suslow gewährleistet wurde.

Kusnezow, der sich als überzeugter Patriot seines Vaterlandes verstand, wurde mehrfach Opfer des politischen Unterdrückungs- und Terrorapparats in der Sowjetunion. Unter Stalin verbrachte er zehn Jahre in Arbeitslagern und wurde 1970 erneut vom KGB für fast zwei Jahre in einer Nervenheilanstalt festgehalten.

Interessant ist die Art und Weise, wie der persönliche Kontakt mit LaRouche zustande kam.

Bereits seit Anfang der 80er Jahre setzen sich viele russische Intellektuelle und politische Persönlichkeiten intensiv mit den Analysen und Vorschlägen LaRouches auseinander, und LaRouches direkte Kontakte mit russischen Wissenschaftlern reichen bis in das Jahr 1994 zurück, als er zum ersten Mal in Moskau war. Im Jahr zuvor war LaRouche von Kusnezows Bekanntem, Prof. Taras Muraniwskij, im Gefängnis besucht worden, der später zu LaRouches engstem Mitarbeiter in Rußland werden sollte. Als Kusnezow die ersten Übersetzungen von LaRouches Schriften in die Hand bekam, war er von LaRouches Denkweise begeistert. Er begann LaRouche in seinem engeren Kreis bekannt zu machen und lud ihn schließlich ein, vor einem ausgewählten wissenschaftlichen Publikum die Grundkonzepte der physischen Ökonomie vorzutragen.

In den folgenden Jahren, vor allem seit dem Wendepunkt der weltweiten Finanzkrise im Sommer und Herbst 1998, die LaRouches Vorhersagen bestätigten und seine wirtschaftlichen Lösungskonzepte um so dringlicher machten, wurden die wissenschaftlichen Arbeiten und Schriften LaRouches in Rußland immer besser bekannt.

Auf den jüngsten wissenschaftlichen Konferenzen, an denen LaRouche selbst oder Mitarbeiter von ihm beteiligt waren, beriefen sich russische Redner immer häufiger auf LaRouches Werk, auf grundlegende Ideen, aus denen sie geschöpft und die sie als unverzichtbar für eigene Analysen und wissenschaftliche Untersuchungen politischer wie wirtschaftlicher Art übernommen hatten. Einige Wissenschaftler verwandten die von Kusnezow eingeführte Maßeinheit La als Maß für das von LaRouche entwickelte Konzept der "potentiellen relativen Bevölkerungsdichte". Andere übernahmen weitgehend LaRouches geschichtliche Darstellung des tiefen, unüberbrückbaren Gegensatzes zwischen dem "amerikanischen System der politischen Ökonomie" und dem britischen imperialen System und anderen Formen der monetären Wirtschaftsdoktrin.

Das internationale Symposium "Raum und Zeit in der Evolution des globalen Systems ,Natur-Gesellschaft-Mensch'" fand in den Räumlichkeiten der Russischen Akademie für ständige Lehrerfortbildung statt. Mitveranstalter der Konferenz war die Moskauer Akademie für Kultur und Bildungsentwicklung sowie das Schiller-Institut. Prof. Jurij Gromyko von der genannten Moskauer Akademie war Vorsitzender des Organisationskomitees und Dr. Nina Gromyko die wissenschaftliche Sekretärin des Symposiums.

Auf dem Kusnezow-Symposium sprach LaRouche am 14. Dezember nach einer einführenden Bemerkung von Prof. Gromyko und einem Bericht von Dr. Spartak Nikaranow, einem engen Mitarbeiter Kusnezows, zum Thema "Der Status und die Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Erbes von P.G. Kusnezow". Dabei bezog er sich auf die Beiträge von Dmitrij Mendelejew und Wladimir Wernadskij. Im weiteren Verlauf der Veranstaltung erläuterte Helga Zepp-LaRouche ihren Aufruf für einen Dialog der Kulturen vom Oktober 2001, der ins Russische übersetzt worden war und in einigen hundert Exemplaren auslag. Und am darauffolgenden Tag hielt Dr. Jonathan Tennenbaum einen Vortrag mit dem Titel "Der Inhalt der Wissenschaft ist der Prozeß ihres Fortschreitens".

Die allgemeine Zusammenbruchskrise

Zur Beschreibung der heutigen Weltlage griff LaRouche für seine russischen Zuhörer auf Rosa Luxemburgs Begriff der "allgemeinen Zusammenbruchskrise" zurück, wobei er vier Grundkonzepte hervorhob:

1. Am 11. September wurde in den USA ein Putschversuch unternommen. Dieser wurde - zumindest vorerst - gestoppt, als der russische Präsident Wladimir Putin noch am gleichen Tag Präsident Bush anrief und ihn informierte, daß Rußland die ansonsten automatische Eskalation des Alarmzustands der strategischen Kernwaffenarsenale angehalten habe.

2. Die Kräfte hinter dem Putschversuch waren die gleichen wie die hinter der Politik des "Zusammenstoßes der Kulturen", die im Herbst 1998 in eine neue Phase eingetreten war. Nach dem Einsturz der spekulativen GKO-Anleihenpyramide in Rußland im August 1998 kam es zu einer Gegenbewegung, die mit dem Besuch des damaligen Ministerpräsidenten Jewgenij Primakow in Indien eingeleitet wurde. Primakow schlug in Neu-Delhi ein "strategisches Dreieck" Rußland-China-Indien für Zusammenarbeit in Eurasien vor - der größte Alptraum für die anglo-amerikanischen Interessen.

3. Die heutige strategische Weltlage ist durch eine Konfrontation charakterisiert, bei der einerseits die anglo-amerikanische Fraktion damit droht, den "dritten geopolitischen Krieg" zu beginnen. Andererseits übernehmen zahlreiche führende Politiker wie der russische Präsident Putin immer stärker die Perspektive, Eurasien zu einigen. Aufgrund seiner einzigartigen Identität als eurasischer Nation hat Rußland in diesem Prozeß eine besondere Mission zu erfüllen.

4. Die Lösung der heutigen Menschheitskrise liegt in einem Neuen Bretton Woods und in umfangreichen Infrastrukturprojekten mit Eurasien im Mittelpunkt.

LaRouche betonte wiederholt, man könne zwar Sofortmaßnahmen zur Überwindung der gegenwärtigen Krise der Menschheit definieren, aber die eigentliche Aufgabe bestehe darin, eine tiefergehende, dauerhafte Veränderung der sozialen und kulturellen menschlichen Beziehungen zu erreichen, wofür die Beiträge von Mendelejew, Wernadskij und ihren Nachfolgern unverzichtbar seien. Die Beziehungen der Menschen untereinander müßten über das "populäre Kulturniveau" angehoben werden. Die Menschen sollten ihre Identität aus dem schöpfen, was sie für die gesamte Menschheit leisten könnten. Die Auseinandersetzung mit den wissenschaftlichen Aufgaben der Entwicklung - begeisternde Herausforderungen wie die Entwicklung Sibiriens, die zur bisher größten Transformation der Biosphäre führen könnte - werde auch weitreichende politische Folgen haben. Hinsichtlich dessen, was Wernadskij als "Noosphäre", den Bereich der Noesis oder menschlichen Erkenntnis, das Bewußtsein der Fähigkeit des Geistes, wissenschaftliche Prinzipien zu entdecken, bezeichnete, stehe die Menschheit noch am Anfang.

Der intellektuelle und moralische Enthusiasmus, mit dem der zweite diesjährige Rußland-Besuch LaRouches aufgenommen wurde, drückte sich in der Äußerung eines hochrangigen Analysten aus, der meinte: "Als Atheist bete ich zu Gott, daß Sie Präsident der Vereinigten Staaten werden."

Rachel Douglas und Dr. Jonathan Tennenbaum